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agnostisch

Das Adjektiv agnostisch beschreibt eine Person als den Agnostizismus vertretend, d.h. sie hält die Existenz einer Gottheit oder einer anderen höheren Macht für nicht beweisbar. Deren Existenz wird somit nicht verleugnet, aber eben auch nicht für gesichert gehalten.

Im Gegensatz zum Atheismus im eigentlichen Sinne, der die Existenz einer höheren Instanz verneint, sind eine agnostische Weltanschauung und Glaube miteinander vereinbar. Man kann schließlich durchaus an einen Gott glauben und gleichzeitig die Unbelegbarkeit seiner Existenz anerkennen.

Das gleichbedeutende englische agnostic wurde im späten 19. Jahrhundert vom britischen Biologen Thomas Henry Huxley geprägt und geht vermutlich auf das griechische gnostikos (erkenntnisfähig) zurück, dem ein negierendes a- vorangestellt wird.

Ich bin streng christlich erzogen worden, würde mich inzwischen jedoch als agnostisch bezeichnen.

idiosynkratisch

[1] Im Allgemeinen bedeutet das Adjektiv idiosynkratisch „spezifisch“ oder „eigentümlich“. In diesem Sinne sind etwa Gruppen oder Personen idiosynkratisch, die von der (sozialen) Norm abweichen oder besondere Eigenheiten aufweisen.

Da jeder Mensch ein Individuum ist und als solches eine einzigartige Kombination verschiedener angeborener und durch Umwelteinflüsse entstandene Eigenschaften darstellt, sind wir alle zu einem gewissen Grad idiosynkratisch.

Auch die an den Tag gelegten Eigenschaften oder Eigenheiten, die Personen oder Gruppen von der Norm unterscheiden, können als idiosynkratisch bezeichnet werden.

[2] Weiterhin wird der Begriff mit ähnlicher Bedeutung in der Linguistik verwendet und bezieht sich dort auf besondere Eigenheiten von Wörtern oder Ausdrücken, die sich nicht aus bestehenden Regeln ergeben.

[3] Speziell in der Medizin steht idiosynkratisch für das überempfindliche und heftige Reagieren auf bestimmte Stoffe und Reize.

[4] In der Psychologie bezeichnet idiosynkratisch eine starke Abneigung gegenüber bestimmten Personen oder Gegenständen.

Herkunft: Abgeleitet vom Substantiv „Idiosynkrasie“ stammt idiosynkratisch aus dem Altgriechischen und wird sinngemäß mit „spezifische Beschaffenheit eines einzelnen Körpers“ übersetzt.

Beispiele:

Ihre idiosynkratische Körpersprache verunsicherte mich.

Er verbrachte seine Kindheit teils in Schottland, teils in Thailand, bevor es ihn nach Deutschland verschlug. Sein daraus entstandener idiosynkratischer Akzent war für mich anfangs kaum zu verstehen.

Nach der zweiten Eiseninfusion reagierte ihr Körper idiosynkratisch. Es kam zu einem allergischen Schock.

Schon beim bloßen Klang ihrer Stimme sprang er idiosynkratisch auf und schlug die Zimmertür zu.

„Ich dachte: Ich muss jetzt einen Moment lang anhalten und leben. Wenn das Leben nicht mehr in die Filme dringt, sind sie tot. Ich hatte das Gefühl: Ich lebe nur noch in der Arbeit und war besorgt, dass das ultra-idiosynkratisch wird.“
Tom Tykwer, „Wenn das Leben nicht mehr in die Filme dringt, sind sie tot.“, Süddeutsche Zeitung, 17.05.2010.

 

Tribalisierung

Tribalisierung bedeutet „Stammesbildung“. Gemeint ist heute vor allem das Zusammenschließen von Gruppen innerhalb eines größeren Systems (Gesellschaft, Staat etc.) bei gleichzeitiger Abgrenzung von diesem. Grundlage einer solchen Gruppe sind dabei etwa gemeinsame Interessen oder ein gemeinsamer ethnischer, religiöser oder kultureller Hintergrund.

Ein Beispiel für Tribalisierung ist die Bildung verschiedener, voneinander abgegrenzter „Subgesellschaften“ unterschiedlichen ethnischen Hintergrunds innerhalb eines Vielvölkerstaats. Auch die Bildung von stark ausgeprägten Subkulturen wird als Tribalisierung bezeichnet. Häufig zu beobachten ist das Phänomen der Gruppenbildung mit spezifischem Musikgeschmack, Kleidungsstil und Umgangsformen in der Jugendkultur.

Herkunft des Begriffs ist das lateinische tribus, welches zu verschiedenen Zeiten leicht unterschiedliche Bedeutungen hatte, sich aber immer auf Untergruppen des römischen Volks bezog.

Der Schulhof ist oft das beste Beispiel, um den Begriff der Tribalisierung anschaulich zu erklären. Vorne links stehen die Metaller, ein bisschen weiter ein paar verloren wirkende Punks, an der nächsten Ecke eine ganze Gruppe Hip-Hopper in zu großen Klamotten und den unvermeidlichen Schirmmützen und ganz hinten schließlich, versteckt hinter der Turnhalle, die Raucher.

Liebe bei der „Love-Parade“ in Berlin, Hiebe bei den „Chaos-Tagen“ in Hannover. Das Bild der deutschen Jugend und ihrer Subkulturen wirkt so widersprüchlich wie nie. Die Generation der 13- bis 25jährigen zerfällt in immer mehr Grüppchen, Cliquen und Einzelgänger. Soziologen sprechen von „Tribalisierung„.
Verfasser unbekannt (1995), Vergeßt alle Systeme, DER SPIEGEL 33/1995.

utopisch

Das Adjektiv utopisch bedeutet „nur in der Phantasie möglich“ oder „auf ein nicht vorhandenes (Gesellschafts-)Ideal bezogen“.

Utopisch ist alles Denken, Handeln und Darstellen, das etwas zeigt, was es noch nicht gibt, aber vom Akteur als wünschenswert und erstrebenswert bezeichnet wird. Das Utopische ist immer an die Nichtexistenz gekoppelt. Abwertend kann der Begriff zum Bezeichnen von Realitätsferne oder Träumerei verwendet werden. Ebenso kann er als Kompliment verwendet werden, um besonders schöne, edle oder phantastische Visionen zu bezeichnen.

Das Adjektiv utopisch bezieht sich direkt auf die Utopie, zurückgehend auf das griechische οὐ-τόπος bzw. ou-topos (Nicht-Ort).

Erst wurde ihr Plan als utopisch verspottet, aber nach den ersten Erfolgen legte man die Zukunft des ganzen Teams in ihre Hände.

Die von ihm geplante utopische Gesellschaft kennt weder Diskriminierung noch Armut, Krankheit, Chancenungleichheit oder soziale Kälte.

Viele in der Science-Fiction-Literatur prophezeiten Entwicklungen, die vor wenigen Jahren noch als rein utopisch galten, sind inzwischen Realität geworden.

flamboyant

Das Adjektiv flamboyant bedeutet wörtlich „flammend“, „farbenprächtig“ oder im übertragenen Sinne „energisch“.

Mit dem Ausdruck kann im direkten Sinne das Aussehen von Dingen,  Malereien, Gebäuden etc. respektive im übertragenen Sinne das Wesen von Personen, Musikstücken, Filmen etc. beschrieben werden.

Ein Beispiel für flamboyante Architektur
Die Westfassade der Kirche im französischen Vendôme, gestaltet im Flamboyant-Stil.

Der Ursprung des Begriffs liegt im französischen flamboyer (aufflammen, aufleuchten).

Sein flamboyantes Auftreten kam in der kleinen Gemeinde nicht gut an.

Curtis wurde zu einem der letzten großen Stars des alten Hollywood. Ein gut aussehender Junge, der scheinbar leichtfüßig und flamboyant den Glanz verkörperte, der nun einmal zum Zauber des Kinos dazu gehört.
Ruben Donsbach (2010), Lebemann des alten Hollywood, Zeit online.

Bildnachweis:  Manfred Heyde  [Lizenz: CC-BY-SA-3.0 bzw. GFDL], via Wikimedia Commons.

rezipieren

Das Verb rezipieren bedeutet „einen Text, ein Kunstwerk o.ä. aufnehmen oder übernehmen“.

Der bildungssprachliche Begriff beschreibt zum einen das sinnliche Erfassen von Kunst, Text, Film usw.

Zum anderen meint rezipieren, fremdes Gedanken- oder Kulturgut zu übernehmen, etwa in ein neues Werk,  das eigene Denken usw.

Rezipieren stammt vom lateinischen recipere (ein- bzw. aufnehmen).

Je nach Geschmack und künstlerischer Bildung, rezipieren die Menschen Warhols Werke völlig unterschiedlich.

Gehörlose rezipieren Filme nur visuell. Spezielle Untertitel sollen die dadurch fehlende Musik, Sprache und Geräuschkulisse zumindest ansatzweise ersetzen.

Um meiner Rede mehr intellektuelle Wucht zu geben, habe ich Schriften der alten Philosophen rezipiert.

Es ist offensichtlich, dass „Extrem laut und unglaublich nah“ von Safran Foer „Die Blechtrommel“ von Grass in zentralen Punkten rezipiert hat.

eruieren

Das Verb eruieren bedeutet „feststellen“, „ermitteln“ oder „herausfinden“, speziell durch gründliches Untersuchen oder Nachforschen.

Herkunft des Wortes ist das gleichbedeutende, lateinische eruere (ausgraben, zu Tage fördern).

Bevor wir uns für ein Modell entscheiden, müssen wir zumindest das mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis eruieren.

Oft ist nicht klar zu eruieren, mit welchem Studiengang man die besten Aussichten auf späteren Erfolg hat. Da hilft nur, sich nach Interesse und Bauchgefühl zu entscheiden.

Und, so sagen unsere Führer, Gastfreundschaft, das wisse ja die ganze Welt, Gastfreundschaft sei den Paschtunen heilig. Das mag zutreffen, doch kann man Muslim Khan wirklich trauen? Immerhin hat er schon eigenhändig Leute enthauptet, ob sie auch seine Gäste waren, lässt sich nicht mehr eruieren.
– Ulrich Ladurner (2009), Teufel im Paradies, DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19.

subsumieren

Das Verb subsumieren bedeutet „etwas einem Oberbegriff unterordnen“, „etwas unter einer Kategorie einordnen“ oder auch „zusammenfassen.“

Der Begriff wird weiterhin speziell in der Rechtswissenschaft genutzt. Im Rechtswesen meint subsumieren die Prüfung eines Sachverhalts dahingehend, ob bestimmte Rechtsnormen zutreffend oder anwendbar sind.

Subsumieren stammt vom lateinischen sub- (unter) und sumere (nehmen, ergreifen) ab.

Das Gericht subsumierte seine unermüdlichen Kontaktversuche unter § 107a StGB, dem Tatbestand beharrlicher Verfolgung.

Alltag, Arbeit, Hoffnungen, Gefühle, Wünsche – letztlich lässt sich alles unter dem schönen Wort „Leben“ subsumieren.

Der Leitspruch „nach mir die Sintflut“ subsumiert das Handeln der breiten Masse in konsumorientierten, dekadenten Gesellschaften.

Tabula rasa

Die aus dem Lateinischen übernommene Wortverbindung Tabula rasa bedeutet wörtlich übersetzt „abgeschabte Tafel“, meint also eine geklärte und wieder beschreibbare Schreibtafel. Im Deutschen ist eine Tabula rasa eine Situation, in der alles bisher Gewesene getilgt und somit ein unbelasteter (Neu-)Beginn möglich ist.

Die vergleichsweise häufig gebrauchte Wendung Tabula rasa machen ist weiterhin ein Synonym für das deutsche „reinen Tisch machen“, also mit etwas restlos aufräumen oder etwas restlos klären und somit Klarheit schaffen.

Speziell in der Philosophie finden sich bei zahlreichen Philosophen Vergleiche zwischen der Seele oder auch dem Gedächtnis und einer wächsernen Schreibtafel. In diesem Kontext ist die Tabula rasa der jeweils anfängliche Zustand, d.h. als Mensch ist man zunächst ein unbeschriebenes Blatt und wird nach und nach von Erfahrungen geprägt.

Sie entschied sich schließlich, Tabula rasa zu machen und in Australien ganz von vorne anzufangen.

Nach der kriegsbedingten Tabula rasa kam der wirtschaftliche Aufschwung.

Credo

Ein Credo ist ein Glaubensbekenntnis oder ein Leitsatz.

Übernommen wurde es – substantiviert – vom lateinischen credo (ich glaube, zu credere = glauben), dem ersten Wort im Apostolischen Glaubensbekenntnis:

Credo in Deum,
Patrem omnipotentem,
Creatorem caeli et terrae.

In der ursprünglichen Bedeutung ist religiöses Glauben gemeint, während ein Credo heute auch in anderem Kontext für einen Leitsatz oder eine Parole stehen kann, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Sein Credo lautet offenbar: „Viel hilft viel“.

Mit dem Credo, in jeder Situation das entscheidende Bisschen besser zu sein als die Konkurrenz, schafften sie es, Marktführer zu werden.

Das Credo des Präsidenten, sich von Almosen unabhängig zu machen, steht in krassem Gegensatz zur immensen Entwicklungshilfe, die in sein Land fließt.
Grill, Jeska (2009), Der Antreiber, DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05.