Kassandraruf

Das Substantiv Kassandraruf (der) bezeichnet eine „Warnung vor kommendem Unheil“.

Man spricht von einem Kassandraruf, wenn jemand eindringlich vor einer Katastrophe oder einer schlimmen Entwicklung warnt. Meist schwingt dabei mit, dass die Warnung ungehört bleibt oder nicht ernst genommen wird.

Typisch sind Wendungen wie „Kassandrarufe ausstoßen“ oder „die Kassandrarufe verhallen“.

Das Wort kann positiv oder negativ gemeint sein.

Manchmal drückt es Anerkennung aus: Eine Person hat früh vor einer Gefahr gewarnt, aber niemand wollte zuhören.

Ebenso oft klingt Kritik an. Dann gelten die Warnungen als übertrieben, als Schwarzmalerei oder Panikmache.

Abgrenzung

Ein Unkenruf ist ebenfalls eine düstere Vorhersage. Das Wort klingt alltäglicher und betont vor allem die (übermäßig) pessimistische Haltung. Beim Kassandraruf bleibt offen, ob die warnende Person recht behält.

Ein Menetekel ist kein Ruf, sondern ein Zeichen. Gemeint ist ein Ereignis, das ein drohendes Unheil ankündigt.

Hintergrund

Das Wort geht auf Kassandra zurück, eine Gestalt der griechischen Mythologie. Sie war eine Tochter des Königs Priamos von Troja. Der Gott Apollon verliebte sich in sie und schenkte ihr die Gabe der Weissagung. Doch Kassandra wies ihn zurück. Zur Strafe belegte Apollon sie mit einem Fluch: Ihre Vorhersagen sollten zutreffen, aber niemand sollte ihr glauben.

So sah Kassandra den Untergang Trojas voraus und konnte ihn doch nicht verhindern. Beim römischen Dichter Vergil warnt sie vor dem hölzernen Pferd der Griechen, das die Trojaner in die Stadt gebracht haben. Niemand hört auf sie. In der Nacht steigen die darin versteckten Krieger aus dem Pferd und öffnen die Stadttore.

Auch ihr eigenes Ende sah Kassandra kommen. Nach dem Fall Trojas brachte der griechische Heerführer Agamemnon sie als Kriegsbeute nach Mykene. In der Tragödie Agamemnon des Dichters Aischylos kündigt sie an, dass sie und Agamemnon dort beide ermordet werden. Kurz darauf tötet Klytaimnestra, die Frau des Heerführers, beide.

Aussprache

Lautschrift (IPA): [ka’sandʁaˌʁu:f]

Beispielsätze

Die Opposition warnte vor dem Haushaltsloch, doch die Regierung tat ihre Kassandrarufe als Panikmache ab.

Als die Kurse einbrachen, erinnerten sich plötzlich alle an die Kassandrarufe der Ökonomin, über die sie lange gelacht hatten.

Mein Kollege hält jede neue Software für einen Fehler; seine Kassandrarufe nimmt im Team niemand mehr ernst.

Die Forscherin betonte, ihr Bericht sei kein Kassandraruf, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Vor der Saison klang die Warnung des Trainers wie ein Kassandraruf. Heute fehlen ihm fünf Stammspieler.

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