Bildungssprache

agnostisch

Das Adjektiv agnostisch beschreibt eine Person als den Agnostizismus vertretend, d.h. sie hält die Existenz einer Gottheit oder einer anderen höheren Macht für nicht beweisbar. Deren Existenz wird somit nicht verleugnet, aber eben auch nicht für gesichert gehalten.

Im Gegensatz zum Atheismus im eigentlichen Sinne, der die Existenz einer höheren Instanz verneint, sind eine agnostische Weltanschauung und Glaube miteinander vereinbar. Man kann schließlich durchaus an einen Gott glauben und gleichzeitig die Unbelegbarkeit seiner Existenz anerkennen.

Das gleichbedeutende englische agnostic wurde im späten 19. Jahrhundert vom britischen Biologen Thomas Henry Huxley geprägt und geht vermutlich auf das griechische gnostikos (erkenntnisfähig) zurück, dem ein negierendes a- vorangestellt wird.

Ich bin streng christlich erzogen worden, würde mich inzwischen jedoch als agnostisch bezeichnen.

Tribalisierung

Tribalisierung bedeutet „Stammesbildung“. Gemeint ist heute vor allem das Zusammenschließen von Gruppen innerhalb eines größeren Systems (Gesellschaft, Staat etc.) bei gleichzeitiger Abgrenzung von diesem. Grundlage einer solchen Gruppe sind dabei etwa gemeinsame Interessen oder ein gemeinsamer ethnischer, religiöser oder kultureller Hintergrund.

Ein Beispiel für Tribalisierung ist die Bildung verschiedener, voneinander abgegrenzter „Subgesellschaften“ unterschiedlichen ethnischen Hintergrunds innerhalb eines Vielvölkerstaats. Auch die Bildung von stark ausgeprägten Subkulturen wird als Tribalisierung bezeichnet. Häufig zu beobachten ist das Phänomen der Gruppenbildung mit spezifischem Musikgeschmack, Kleidungsstil und Umgangsformen in der Jugendkultur.

Herkunft des Begriffs ist das lateinische tribus, welches zu verschiedenen Zeiten leicht unterschiedliche Bedeutungen hatte, sich aber immer auf Untergruppen des römischen Volks bezog.

Der Schulhof ist oft das beste Beispiel, um den Begriff der Tribalisierung anschaulich zu erklären. Vorne links stehen die Metaller, ein bisschen weiter ein paar verloren wirkende Punks, an der nächsten Ecke eine ganze Gruppe Hip-Hopper in zu großen Klamotten und den unvermeidlichen Schirmmützen und ganz hinten schließlich, versteckt hinter der Turnhalle, die Raucher.

Liebe bei der „Love-Parade“ in Berlin, Hiebe bei den „Chaos-Tagen“ in Hannover. Das Bild der deutschen Jugend und ihrer Subkulturen wirkt so widersprüchlich wie nie. Die Generation der 13- bis 25jährigen zerfällt in immer mehr Grüppchen, Cliquen und Einzelgänger. Soziologen sprechen von „Tribalisierung„.
Verfasser unbekannt (1995), Vergeßt alle Systeme, DER SPIEGEL 33/1995.

flamboyant

Das Adjektiv flamboyant bedeutet wörtlich „flammend“, „farbenprächtig“ oder im übertragenen Sinne „energisch“.

Mit dem Ausdruck kann im direkten Sinne das Aussehen von Dingen,  Malereien, Gebäuden etc. respektive im übertragenen Sinne das Wesen von Personen, Musikstücken, Filmen etc. beschrieben werden.

Ein Beispiel für flamboyante Architektur
Die Westfassade der Kirche im französischen Vendôme, gestaltet im Flamboyant-Stil.

Der Ursprung des Begriffs liegt im französischen flamboyer (aufflammen, aufleuchten).

Sein flamboyantes Auftreten kam in der kleinen Gemeinde nicht gut an.

Curtis wurde zu einem der letzten großen Stars des alten Hollywood. Ein gut aussehender Junge, der scheinbar leichtfüßig und flamboyant den Glanz verkörperte, der nun einmal zum Zauber des Kinos dazu gehört.
Ruben Donsbach (2010), Lebemann des alten Hollywood, Zeit online.

Bildnachweis:  Manfred Heyde  [Lizenz: CC-BY-SA-3.0 bzw. GFDL], via Wikimedia Commons.

transzendieren

Das Verb transzendieren bedeutet „etwas hinter sich lassen“, „die Grenzen eines Bereichs überschreiten“.

Es handelt sich um einen bildungssprachlichen Begriff, der das Ausbrechen aus den Grenzen eines (oft abstrakten) Bereich beschreibt. Oft ist damit ein qualitativer Aufstieg oder eine Erweiterung verbunden.

Transzendieren stammt vom lateinischen transcendere (hinübersteigen, überschreiten) ab.

Verwendungsbeispiele:

Wir müssen unsere Gegensätze transzendieren und einen Kompromiss finden.

Nach der Geburt seiner Tochter transzendierte er endlich sein Image als schwarzes Schaf der Familie.

Für ein harmonisches gesellschaftliches Zusammenleben ist es unabdingbar, dass Menschen ihre evolutionären Instinkte transzendieren.

Sie hatte während der Verwendung des Ouija-Bretts nicht das Gefühl, dass ihre Wahrnehmung die reale Welt transzendieren würde. Ein Kontakt zur verstorbenen Großmutter blieb leider aus.

Ihr drittes Album transzendierte die eng gesteckten Grenzen moderner Popmusik, innerhalb derer sie sich bis dahin einen Namen gemacht hatte.

fraternisieren

Das Verb fraternisieren bedeutet „sich anfreunden“ , „sich verbrüdern“. Es hat meist einen negativen Beiklang.

Der Begriff findet oft dann Anwendung, wenn das Anfreunden aufgrund der ursprünglichen Positionen der sich miteinander fraternisierenden Parteien eigentlich eher abwegig ist oder einen negativen Beigeschmack hat. Beispielsweise dann, wenn eigentlich verfeindete Parteien sich miteinander verbünden, um niedere  Ziele zu erreichen.

Der deutsche Ausdruck leitet sich aus dem französischen  fraternité (Brüderlichkeit) ab, welches auf das lateinische fraternus (brüderlich, freundschaftlich) zurückgeht. Vgl. auch lateinisch frater (Bruder).

Laut Presseberichten fraternisieren Mitglieder der umstrittenen Partei zunehmend mit verfassungsfeindlichen Gruppen.

Es wird ihm zum Vorwurf gemacht, mit der Vorstandsebene der direkten Konkurrenz fraternisiert zu haben.

Kontrolle am „Checkpoint Charly“, dem Grenzposten zwischen Süd- und Nordkorea. Jeder muss unterschreiben, dass er auf dem Weg nach Panmunjom nicht mit nordkoreanischen Soldaten „fraternisiert oder Gesten macht, die der anderen Seite als Propagandamaterial dienen könnten“.
Christian Schmidt-Häuer (2003),Zündeln mit der Bombe, DIE ZEIT 30.04.2003 Nr.19.

Exodus

Ein Exodus ist die Abwanderung bzw. der Auszug einer großen Gruppe aus einem Gebiet. So etwa der biblische, von Moses angeführte Auszug der zwölf Stämme Israels aus dem alten Ägypten, geschildert im 2. Buch Mose, welches ebenfalls den Namen Exodus trägt.

Der direkt ins Deutsche übernommene lateinische Begriff geht zurück auf das griechische éxodos (Ausgang).

Das Land leidet unter einem Exodus unterbezahlter Akademiker, die in Scharen von der Aussicht auf bessere Löhne ins Ausland gelockt werden. Dieses Phänomen, auch Braindrain genannt, macht alle Investitionen der Regierung in die Ausbildung der Bevölkerung null und nichtig.

Ein aktuelles Beispiel für einen Exodus ist die massenhafte Flucht der Syrer aus ihrem eigenen Land während des anhaltenden Bürgerkriegs.

Der Exodus europäischer Musiker in die USA nach 1933 war vielleicht der größte Talenttransfer der Weltgeschichte.
– Volker Hagedorn (2012), Vertreibung ins Paradies, DIE ZEIT, 16.2.2012 Nr. 08.

Imponderabilien

Eine Imponderabilie ist eine „Unwägbarkeit“, d.h. ein bei einer Entscheidung nicht vorhersehbares, zu einem späteren Zeitpunkt eintreffendes Ereignis. Der Begriff wird nahezu ausschließlich im Plural gebraucht.

Imponderabilien spielen etwa in betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen, vorrangig bei Investitionsentscheidungen, eine wichtige Rolle. Anders als bekannte und kalkulierbare Risiken können sie zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht berücksichtigt und somit nicht quantifiziert werden. Ebenso wenig kann  eine Strategie für den Fall ihres Eintretens zurechtgelegt werden, eine Reaktion ist also nur im Nachhinein möglich und oft mit großen Kosten verbunden.

Auch in der Rechtssprache existiert der Begriff der Imponderabilien und beschreibt dort Stoffe, die unbeherrschbar und unwägbar sind, d.h. sich nicht wiegen lassen. An ihnen kann kein rechtliches Eigentum bestehen. Hierzu zählen etwa Geräusche und Strahlungen oder auch freie Gase und Dämpfe.

Wie genau der Begriff den Weg ins Deutsche gefunden hat ist ungewiss, jedoch kann davon ausgegangen werden, dass der Ursprung im lateinischen ponderabilis (wägbar) liegt.

Vieles lässt sich planen, Imponderabilien können aber nie ganz ausgeschlossen werden.

Auch rechnet jedermann damit, daß es diesmal schnell gehen wird. Das Parlament will sich noch vor Weihnachten konstituieren, in Berlin. Und wenn nicht die berühmten Imponderabilien dazwischenkommen, soll auch gleich die Kanzlerwahl über die Bühne gehen – was voraussetzt, daß die künftige Ministermannschaft jedenfalls in ihren Umrissen bekannt ist.
Carl-Christian Kaiser (1990), Lauter blaue Wunder, DIE ZEIT, 30.11.1990 Nr. 49.

autark

Das Adjektiv autark bedeutet „auf niemandes Weisung oder Unterstützung angewiesen“.

Es kann etwa Personen, Organisationen, Abteilungen in Unternehmen etc. beschreiben, die eigenverantwortlich und selbstbestimmt handeln können. Speziell bei Regionen und Ländern tritt der Aspekt wirtschaftlicher Unabhängigkeit in den Vordergrund.

Ursprung des Begriffs ist das griechische autárkēs (sich selbst genügend).

Er war in seinem Denken und Handeln völlig autark.

Bezüglich der Verhandlungen mit neuen Geschäftspartnern in Asien konnte sie ganz autark agieren und musste nicht jeden Schritt einzeln mit ihrem Vorgesetzten abstimmen.

Der Staat ist wirtschaftlich weitestgehend autark und hat – mit Ausnahme von Erdöl – den Import jeglicher Produkte unterbunden.

Delinquent

Ein Delinquent ist ein Straftäter oder  auch ein Übeltäter im weiteren Sinne. Es muss also nicht zwingend eine strafrechtlich verfolgbare Tat vorliegen. So werden etwa neben strafunmündigen Kindern und Jugendlichen auch Personen als Delinquenten bezeichnet, die lediglich Ordnungswidrigkeiten begangen haben.

Ursprung des Begriffs ist das lateinische delinquere (eine Verfehlung begehen).

Der Delinquent hüllt sich zu den Vorwürfen bisher in Schweigen.

Die Obrigkeit zu betrügen ist keine Sünde, sondern eher eine Tugend, die von „vivenza criolla“, von Bauernschläue und Pfiffigkeit zeugt. „Sie haben mich wegen Diebstahls geschnappt -aber nicht wegen Blödheit“, brüstet sich der Delinquent.
– Carl D. Goerdeler (2002), Argentinien – oder die Kultur der Vergeudung, brand eins 01/2002.

technokratisch

Das Adjektiv technokratisch beschreibt eine Form der Regierung oder der Verwaltung, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, statistischer Kontrolle und Rationalität beruht. Dabei stehen Effizienz und die Ausrichtung auf Sachzwänge im Vordergrund, individuelle Freiheit und demokratische Willensbildung dagegen tendenziell im Hintergrund.

Der deutsche Begriff wurde aus dem gleichbedeutenden englischen technocratic entlehnt und ergibt sich aus der Zusammensetzung der altgriechischen Ausdrücke techne (Fertigkeit) und kratos (Macht, Herrschaft; auch der Gott der Macht in der griechischen Mythologie).

Bei der TV-Debatte argumentierte er technokratisch, ratterte Statistiken herunter und ging auf die Fragen des jungen Arbeitssuchenden im Publikum nur oberflächlich ein.

In der Gründerzeit [der EU] haben die Friedenssehnsucht der Kriegsgeneration und das Streben nach Wohlstand das Zusammenwachsen gefördert. Es herrschte ein Vertrauen in die politischen Führungskräfte. Das ließ die technokratische Konzeption der Gemeinschaft zu, deren einzige Identität der Pragmatismus war und deren Antriebskräfte durch die bipolare Welt des Kalten Krieges gefördert wurden.
Franz Fischler (2012), Wählt einen Präsidenten für Europa!, DIE ZEIT, 24.5.2012 Nr. 22.