Das Substantiv Ostrazismus (der) bezeichnet heute die „soziale Ausgrenzung“ einer Person durch eine Gruppe. Ursprünglich meint es das „Scherbengericht“ des antiken Athens.
Im heutigen Gebrauch, vor allem in der Sozialpsychologie, steht Ostrazismus für ein alltägliches Phänomen: das Ignorieren und Ausschließen einzelner Menschen, etwa am Arbeitsplatz, in der Schule oder im privaten Umfeld. Die Forschung zeigt, dass solche Ausgrenzung als sehr schmerzhaft erlebt wird und Grundbedürfnisse wie Zugehörigkeit und Anerkennung bedroht.
Im historischen Sinne meint Ostrazismus ein Abstimmungsverfahren der athenischen Demokratie. Die Bürger konnten damit einen Mitbürger für zehn Jahre aus der Stadt verbannen. Das Verfahren richtete sich vor allem gegen Politiker, die zu mächtig zu werden drohten.
Abgrenzung
Vom Mobbing unterscheidet sich Ostrazismus durch die Form der Ablehnung. Mobbing umfasst aktive und wiederholte Angriffe, zum Beispiel Beleidigungen oder Schikanen. Ostrazismus ist dagegen eine passive Form: Die betroffene Person wird übersehen, übergangen und behandelt, als wäre sie gar nicht da. Beide Phänomene können gemeinsam auftreten.
Hintergrund
Das Wort geht zurück auf das griechische ostrakismós (Scherbengericht), eine Ableitung von óstrakon (Schale, Tonscherbe). Das zugehörige Verb ostrakízein bedeutet „durch das Scherbengericht verbannen“.
Namensgebend war der Ablauf des Verfahrens. Einmal im Jahr stimmte die Volksversammlung in Athen darüber ab, ob ein Scherbengericht stattfinden sollte. Kam es dazu, ritzte jeder Bürger den Namen des Mannes, den er verbannt sehen wollte, in eine Tonscherbe. Scherben waren das Schmierpapier der Antike: Sie lagen überall herum und kosteten nichts, während Papyrus teuer importiert werden musste.
Wen die meisten Stimmen trafen, der musste Athen für zehn Jahre verlassen. Vermögen und Bürgerrechte blieben ihm jedoch erhalten. Das Verfahren sollte die junge Demokratie schützen und verhindern, dass sich Einzelne zu Despoten aufschwingen. Es traf berühmte Politiker wie Themistokles und Aristides.
Zu Aristides überliefert der antike Schriftsteller Plutarch eine Anekdote: Ein Bauer, der nicht schreiben konnte, bat einen Fremden, den Namen „Aristides“ auf seine Scherbe zu ritzen. Der Fremde war Aristides selbst. Auf die Frage, was dieser Aristides ihm denn getan habe, antwortete der Bauer: nichts, aber er könne es nicht mehr hören, dass alle ihn „den Gerechten“ nennen.
Aussprache
Lautschrift (IPA): [ɔstʁaˈt͡sɪsmʊs]
Beispielsätze
Nach ihrer Kritik an der Geschäftsleitung erlebte sie im Kollegium einen stillen Ostrazismus: Niemand sprach mehr mit ihr.
„In der Forschung sprechen wir von Ostrazismus„, sagt die Sozialpsychologin Selma Rudert.
– Spektrum.de
Die Schulpsychologin erklärte den Eltern, dass Ostrazismus unter Jugendlichen oft unauffälliger abläuft als offenes Mobbing.
Sein Ausschluss aus dem Verein kam einem modernen Ostrazismus gleich.
Im antiken Athen diente der Ostrazismus dazu, allzu mächtig gewordene Bürger für zehn Jahre aus der Stadt zu verbannen.
