• subsistieren

    Das Verb subsistieren entstammt dem lateinischen Wort subsistere, was soviel wie „stillstehen“ oder „standhalten“ bedeutet. Im deutschen Sprachgebrauch bedeutet subsistieren im Kontext der Philosophie, dass etwas für sich und unabhängig von anderem besteht.  In einer veralteten bildungssprachliche Verwendung kann subsistieren auch „einen Lebensunterhalt haben“ bedeuten.

    Nur darf man den Charakter der Konkretheit dadurch nicht herabgesetzt glauben, daß er hier nicht an dem Einzelwesen als solchem haftet. Die Relativität zwischen den Dingen hat die einzigartige Stellung: über das Einzelne hinauszureichen, nur an der Mehrheit als solcher zu subsistieren und doch keine bloß begriffliche Verallgemeinerung und Abstraktion zu sein.
    – Georg Simmel (1900), Philosophie des Geldes.

    Heute wollte ich die neuen Untersuchungen fortsetzen, fand mich aber von meiner Phantasie so fortgerissen, daß ich den ganzen Tag nichts habe tun können. In meiner jetzigen Lage ist dies nun leider kein Wunder! Ich habe berechnet, daß ich von heute an nur noch 14 Tage hier subsistieren kann.
    – Heinrich Heine (1835), Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland.

  • tangibel

    Der Begriff tangibel findet seinen Ursprung im lateinischen Adjektiv tangibilis, was „berührbar“ bedeutet bzw. im Verb tangere, das als „berühren“ übersetzt werden kann. Im  Deutschen beschreibt der Begriff Dinge oder Sachverhalte, die spürbar, anfassbar oder greifbar sind. Weitere Synonyme sind „real“ oder „konkret“.

    Während das englische tangible häufig gebraucht wird, kommt das deutsche Pendant im täglichen allgemeinen Sprachgebrauch eher selten vor. Im Kontext der Betriebswissenschaften wird der Begriff für materielle, lagerbare Güter und greifbare Dienstleistungen verwendet. Auch bei Firmengründungen spricht man häufig von tangiblen Werten, die als Sacheinlage dienen. Nicht greifbare, also immaterielle Güter bezeichnet man als intangibel.

    Nach Ansicht der Schweizer Forscher verkaufen sich nicht tangible Produkte besser, wenn sie das Selbstbild des Kunden positiv beeinflussen. Ein einfaches Beispiel sind hochwertige Kofferanhänger, die die Deutsche Lufthansa an die Mitglieder der Vielfliegerprogramme Senator und HON Circle ausgibt.
    Thomas Ramge (2011), Nicht gucken anfassen!, brand eins 12/2011.

    Bisweilen (im ersten Frühling, um die Sommermittagsstunde, nach langem Wachen oder Fasten oder auch ohne sichtbaren Grund) erscheinen die Menschen und Dinge und wir selbst uns wie intangibel, von einer unerklärlichen isolierenden Aura umgeben.
    – Egon Friedell (1965), Kulturgeschichte der Neuzeit.

  • Prosa

    Der Begriff Prosa stammt von dem spätmittelhochdeutschen Wort prōse, welches wiederum auf das lateinische Wort prōsa (oratio)  zurückzuführen ist. Der lateinische Begriff bedeutet soviel wie „schlichte Rede“, was das Gegenteil von poetischer, lyrischer oder rhythmischer Rede darstellt. Im heutigen Gebrauch bezeichnet die Prosa ebenfalls Texte, die nicht den Genres Lyrik, Drama etc. zuzuordnen sind, jedoch steht es auch für besonders einfache oder gewöhnliche Aussagen. Im übertragenen Sinne kann es auch für nüchterne, einfache oder zusammenhangslose Sachverhalte verwendet werden.

    Regelmäßiger Sport und Wellness sind für viele die einzige Möglichkeit der Alltags-Prosa zu entkommen.

    Alle spannenden Geschichten gleichen einander auf bestimmte Weise. Wirklich interessant wird es, wenn die Form der spannenden Erzählung nur noch als geisterhafte Hülle um ein langes Stück Prosa liegt, so wie ein ordentlicher Sonntagsanzug um eine beunruhigende, aus dem Leim gehende Vogelscheuche.
    – Clemens J. Setz, Menschen im Dämmer, Zeit Online 04.04.2012.

    Der Vortragende, einer aus der Abteilung der selbst ernannten Menschenumkrempler, kommt zum Gipfelpunkt seiner hoffnungslos optimistischen Personalentwickungs-Prosa: „Wir müssen wieder das Lernen lernen!“ Alles nickt. Jedermann scheint zu wissen, was gemeint ist. Ich nicht.
    – Reinhard Sprenger, Lehrstück, brand eins 06/2012.

  • haptisch

    Das Adjektiv haptisch hat seinen Ursprung im griechischen haptikos (greifbar) und meint im deutschen Sprachgebrauch „den Tastsinn betreffend“.

    Das Wort wird immer gebraucht, um eine Erfahrung als „ertastbar“ zu beschreiben bzw. auf die ertastbaren Merkmale einer Sache hinzuweisen. Die haptische Qualität oder auch die Haptik eines Gegenstands meint somit alle Merkmale, die mittels des Tastsinns erfasst werden können. Dazu gehört beispielsweise die Beschaffenheit der Oberfläche.

    Rein haptisch ist das Produkt hervorragend. Nichts wackelt, nichts fühlt sich billig an, keine scharfen oder unregelmäßigen Kanten deuten auf minderwertige Verarbeitung hin.

    Moderne Smartphones und Tablet-PCs verfügen heute über sogenanntes „haptisches Feedback“. Um etwa einen Tastendruck zu simulieren und die glatte Oberfläche eines Touchscreens natürlicher wirken zu lassen, vibrieren die Geräte beim Drücken von grafischen Bedienelementen kurz.

    Obwohl Grass seine Fertigkeiten als bildender Künstler nicht gegeneinander ausspielen will – die Arbeit an einer Skulptur ist ihm doch das Höchste. „Alles ist Auge und Raumgefühl, umgriffig, wunderbar! Für literarische Spekulation ist da wohltuenderweise kein Platz.“ Ganz leer der Kopf, Tee die einzige Droge, im Hintergrund geduldet das Kulturradio. „Die einzige Arbeit übrigens, bei der ich nicht rauche. Die haptische Befriedigung ist groß genug.“
    Christof Siemes (2007), Der Künstler Günter Grass, ZEITmagazin LEBEN, 19.12.2007 Nr. 52.

  • Thesaurus

    Der Begriff Thesaurus stammt ursprünglich vom griechischen Wort thēsaurós ab und betitelte in der Antike Gebäude zur Aufbewahrung kostbarer Weihegaben, also eine Art Schatzhaus. Ebenfalls wurden besonders große Wörterbücher als Thesaurus bezeichnet, insbesondere alphabetisch und systematisch geordnete Sammlung von Begriffen eines bestimmten Fachbereiches.
    Spätestens seit der Software MS-Office Word ist der Begriff Thesaurus im aktuellen Sprachgebrauch verankert und betitelt heute ein allgemeinsprachliches Wörterbuch, welches Synonyme bzw. sinn- und sachverwandte Wörter zu bestimmten Schlagwörtern enthält.

     Obwohl hier auch Allesschlucker, Bänkelsänger, Ohrenseifenbläser und andere Akteure des Schaugeschäftes kurz vorgestellt werden, hat der Wiener Sachbuchautor Rudi Palla kein Kuriositätenkabinett der spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Arbeitswelt eingerichtet. In seinem „Thesaurus der untergegangenen Berufe“ wird der vorindustrielle Alltag nicht romantisiert, sondern realistisch beschrieben. Es ist ein Nacfrschlagewerk über „Verschwundene Arbeit“ – und mit seinem Druck vom Bleisatz selbst ein gutes Stück einst gewohnter Handwerkerqualität.
    – DIE ZEIT, 7.10.1994 Nr. 41

  • kollaborieren

    Das Verb kollaborieren entstammt dem lateinischen collaborare, zusammengesetzt aus der Vorsilbe co (zusammen) und laborare (arbeiten). Im Deutschen bedeutet es „mit dem Feind zusammenarbeiten“. Passenderweise bedeutet das  lateinische laborare nämlich unter anderem auch „in Gefahr sein“, ein Zustand, der dem Kollaborateur im Regelfall bekannt ist.

    Das Wort kann im Deutschen – anders als das englische collaborate – ausdrücklich nur in dieser spezifischen Bedeutung verwendet werden, also um zu beschreiben, dass jemand gegen die Interessen seines Heimatlandes mit gegnerischen Mächten, etwa Kriegsgegnern, Terroristen oder Besatzern, zusammenarbeitet.

    Er eröffnete ihr eine neue Sicht auf die Welt, so dass alles plötzlich einen neuen Sinn ergab. Später kollaborierte sie dann mit einer Terrorzelle unter seiner Führung und versorgte diese mit entscheidenden Informationen für die Planung mehrerer Anschläge.

    Er entsprach ganz dem Typus des skrupellosen Kriegsherrn, der über Leichen geht. Graziani ließ als Erstes die Halbnomaden entwaffnen und all jene von ihnen hinrichten, die im bloßen Verdacht standen, mit den Aufständischen kollaboriert zu haben.
    – Aram Mattioli (2003), Libyen, verheißenes Land, Die Zeit 15.05.2003.

  • konträr

    Das Adjektiv konträr wurde von dem französischen Wort contraire (entgegengesetzt, gegenteilig) abgeleitet, was wiederum seinen Ursprung im lateinischen contrarius bzw. contra  (gegen) findet. Als Fremdwort im deutschen Sprachgebrauch bedeutet es ebenfalls „entgegengesetzt“ oder „gegensätzlich“. Weitere Synonyme sind unter anderem „gegenteilig“, „nicht vereinbar“, „verschieden“, „widersprüchlich“ oder „inkompatibel“.

    Man kann beispielsweise eine konträre Meinung haben, konträrer Auffassung sein oder auch konträre Ziele verfolgen.

    In der Rede des Vorsitzenden waren durchaus konträre Inhalte zu bemerken, was die Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit seiner Worte in Frage stellen ließ.

    Die Geschäftsführung und die externen Berater hatten offensichtlich schon bei der Planung des Projektes konträre Ziele, was durchaus eine Erklärung für den Misserfolg sein könnte.

    Mir ist wichtig, dass das, was in der Stadt passiert, mit meinem eigenen Zustand kompatibel ist. Oder so konträr, dass es Spannung erzeugt und stimuliert. Wichtig sind vor allem die Menschen, ihre Stimmung, ihr Stil, Bewegungen, die eine ganze Generation prägen. Äußere Ästhetik, wie in Paris, ist mir nicht so wichtig.
    Dorotheé Junkers, Was kommt? – Die Kunst, brand eins 07/2001. 

  • Oxymoron

    Der Begriff Oxymoron ist auf das griechische Wort oxýmōron zurückzuführen, welches sich aus oxys (scharf[sinnig]) und moros (dumm, stumpf, träge) zusammensetzt. Ein Oxymoron ist eine Begrifflichkeit oder eine rhetorische Figur, die sich aus zwei gegensätzlichen oder widersprechenden Begriffen zusammensetzt. Der Widerspruch kann hierbei in einem Begriff auftauchen, jedoch auch in einer Wortgruppe oder in einem Satz. Gemäß der griechischen Übersetzung bildet das Wort an sich schon einen Widerspruch (scharf-stumpf).

    Ein Oxymoron wird immer bewusst als ein Stilmittel eingesetzt um ggf. provokativ oder mahnend auf einen Missstand hinzuweisen, der in einem Widerspruch endet oder sich bereits in einem befindet. Ein Oxymoron kann im weitläufigen Kontext auch als kontradiktorisch verstanden werden.

    Bekannte Oxymora sind: bittersüß, eile mit Weile, Hassliebe, Minuswachstum oder Regelausnahme.

    Meine Hoffnung ist nur Zerstörung, und mir wird lange nicht genug zerstört, gedrückt, gequetscht, gepeitscht usw. Die Deutschen können nun einmal nur mit dreifach sublimiertem Höllenstein zur Vernunft gebeizt werden. Schreiben Sie noch ein zehnfaches Oxymoron, mich bekehren Sie nicht. Was am blutigsten eingreift, ist am wohltätigsten.
    – Johann Gottfried Seume (1949), Freiheit und Recht.

  • äquivalent

    Das Adjektiv äquivalent stammt von dem mittellateinischen Wort aequivalens ab, was auf die lateinische Kombination aus aequus (gleich) und valere (wert sein) zurückzuführen ist. Im heutigen deutschen Sprachgebrauch bedeutet es „gleichwertig“. Weitere Synonyme sind „angemessen“, „entsprechend“, oder „von entsprechendem/gleichem Wert“.

    Die Verwendung ist immer im Kontext von Vergleichen nützlich. Speziell in der Mathematik oder Chemie ist oft von äquivalenten Mengen die Rede, was in diesem Sinne bedeutet, dass die beschriebenen Mengen der Elemente einander umkehrbar eindeutig zugeordnet werden können.

    Um die Kompatibilität der Studiengänge zu gewährleisten, gibt es trotz den standardisierten Abschlüssen (Bachelor/ Master) noch Listen, die äquivalente Leistungen entschlüsseln.

    Lohn muss äquivalent sein – nur mit was?

    Der Betriebswirt Erich Kosiol hat 1962 das Äquivalenzprinzip eingeführt: Der Lohn müsse mit dem Anforderungsgrad einerseits und dem Leistungsgrad andererseits zusammenhängen.
    Stephan A. Jansen, Merkwürdigkeiten aus den Manegen des Managements: Reize der Anreize, brand eins 04/2009.

    Äquivalent“ und „gleichwertig“ sind zwei äquivalente Ausdrücke.

  • exaltiert

    Das Adjektiv exaltiert ist dem französischen exalter (begeistern) entlehnt. Im Deutschen hat es zwei Bedeutungen. Zum einen kann es „(künstlich) aufgeregt“, „hysterisch“, „theatralisch“ bedeuten, zum anderen „übersteigert“ im Sinne von „extravagant, exzentrisch, verdreht“.

    Sowohl die erste als auch die zweite Bedeutungsebene eignet sich, um Personen oder das Verhalten derselben zu charakterisieren. Von welcher Bedeutung man ausgehen kann, hängt vom Kontext und dem Zeithorizont ab. Ist jemand in einer bestimmten Situation exaltiert, meint man in der Regel situativ hysterisches beziehungsweise übersteigert aufgeregtes Verhalten. Beschreibt man eine Person generell – also situativ unabhängig – als exaltiert, zielt man tendenziell eher auf die zweite Bedeutungsebene ab und möchte auf ihre exzentrische, eventuell wunderliche Art hinweisen.

    Im Sinne von „(künstlich) aufgeregt“, „hysterisch“, „theatralisch“:

    In solchen Momenten reagiert sie immer wieder anstrengend exaltiert. Von einem natürlichen und maßvollen Verhalten kann dann keine Rede mehr sein.

    Seine Rede sollte begeistern, doch seine exaltierte Gestik machte den Effekt der sorgsam gewählten Worte zunichte.

    Im Sinne von „übersteigert“, „extravagant“, „exzentrisch“:

    Unter dem Szenevolk Hamburgs findet man so einige exaltierte Figuren.

    Bescheidenheit ist ein Zeichen der Volksnähe, der Bodenhaftung und Besonnenheit. Die exaltierte Selbstfeier bleibt dem Ausland, bleibt Madonna oder Prince vorbehalten.
    – Adam Soboczynski (2006), Kein Oscar für Bescheidenheit, Die Zeit Nr.11 vom 08.03.2007, S.62.

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